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Text zur Szene 1 „Wesen aus vielen Bildern“

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Der Raum. Der Raum, der Raum. Wir sind so winzig. So ameisenhaft winzig. Die Ameise, die wir übersehen, die uns nervt, die wir aus Versehen zertreten, und dem Kosmos ist es egal: Das sind auch wir. Wir sind das Virus und der Elefant - bedeutungslose, zertretbare Krümel. Wir sind die Dinosaurier: Gewaltig in unseren Augen, scheinbar unausrottbar, und doch: Wenn der Komet einschlägt, beginnt eine neue Ära - ohne uns.

Die Erde. Erneut zur Besonderheit aufgestiegen. Da haben die Wissenschaftler das geozentrische Weltbild ausgehebelt, das den Menschen und die Erde räumlich in den Mittelpunkt stellte - und durch die Hintertür ist es wieder hereingekommen: Die Erde ist eine Riesenausnahme. Alles, was wir hier in diesem irdischen Sonderraum sehen, ist eine Rarität, seltener als ein Edelweiß, vermutlich viel seltener als ein Millionen-Lottogewinn. Ein Planet mit intelligentem Leben darauf ist vermutlich so irrwitzig selten, dass wir in der jetzigen Phase dieses riesigen Kosmos mit ganz großer Wahrscheinlichkeit keine intelligenten Nachbarn antreffen werden, nicht mal als ferne Radiosender.

Die Sterne. Wenn die Dunkelheit am Abend voranschreitet und keine Wolken da sind, tauchen sie auf. Erst ein, zwei helle, dann schüchterne Scharen - und bei bester Nachtdunkelheit und klarem Himmel eine überwältigende Flut. Die Sterne sind etwas so anderes alle alle sonst um uns herum im Raum erblickbaren Gegenstände, dass diese Besonderheit erst in den letzten Jahrhunderten von immer aufs neue staunenden Autoren herausgekehrt wurde. Die Sterne sind uns unsäglich ferne. Der Mond ist zum Knutschen nah, die Sonne ein nachbarschaftlicher tückischer Wärmeklecks - im Vergleich zur kalten tödlichen Riesenentfernung der Sterne zu uns, im Vergleich zur Riesenhaftigkeit der Dinge da draußen, mit toten fernen Sonnen, mit leblosen fernen Planeten.

Wir brauchen da nicht hinzureisen. Wir finden Ebenbilder des Toten, des Tückischen, des gleißend heißen und böse kalten, des luftlosen und giftigen im Nahraum. Wer durch den Weltraum reisen will, der nichts als Gefahren und Verwirrung für unseren Körper bringt, soll doch lieber durchs Meer der Erde tauchen - ein Flug im Raumanzug und ein Tauchgang im Mittelmeer sind gleichwertig... nun gut: das Mittelmeer ist deutlich angenehmer. Wer auf dem Mond stehen will, im Gas des Saturn versinken möchte, und vorher meint, er kenne die Welt nicht, der soll doch bitte mit dem Hubschrauber mitten in der Sahara landen und sich in etwas Flugsand versinken lassen. Die Erfahrung ist gleichwertig - nun gut, die Absicherung, dass man vom Abenteuer zurückkehrt, ist eher in der Sahara gegeben. Lasst uns durch Einöden fahren, fliegen und laufen. Lasst uns im Meer tauchen. Und lassen wir es dabei bewenden. Und wer kein Geld für einen Hubschrauber in die Sahara hat, sei versichert: Ein Besuch im müllübersäten Hinterhof tut´s auch.

Das Winzige. Nur mit dem Mikroskop zu sehen, oft nicht einmal das, nur noch zu ahnen. Weil es Dinge gibt, die kleiner sind als die Wellenlänge des Lichts. All dies ein Abbild des Gigantischen ins Kleine hinein. Teil des irrwitzigen Spieles, das der Raum mit uns treibt: Im ganzen Leben könnten wir es nicht schaffen, zu Fuß zur Sonne zu laufen - und mit einem Schritt gehen wir über so viele Bakterien, wie es Fußschritte zur Sonne braucht. So wahllos, wie wir mit dem Winzigen hantieren - ein Löffel Yoghurt enthält so viele Kleinlebewesen wie Menschen auf der Erde leben - so wahllos geht der Kosmos mit uns um, mit unserer Erdoberfläche. Wir sind ein Löffel Yoghurt.

Wir haben Glück. Da ist er zum erstenmal, dieser Gedanke. Wir haben Glück und wir sind etwas Besonderes. Wir Menschen. Wir sind ohne Schöpfer entstanden, das ist das Wunder. Ein echtes Wunder, greifbar und sterblich, und wir leben darin, wir sind es. Wir sind ein Wunder. Nicht noch einmal gibt es so etwas, noch nie gab es so etwas. Wenn wir nur dastehen und in den Abendhimmel schauen, wenn wir nur dastehen und das Wort „Abendhimmel“ kennen für das, was wir da sehen, wenn wir schauen und wissen, was rot ist und Licht, was Luft ist und was Wolken sind, wenn wir gar empfinden und unglaublicherweise sogar aufschreiben können auf ein Ding namens „Papier“, was wir da empfinden - wenn wir ein Gedicht schreiben: Mann, das ist super-kosmisch! Das ist eine viel seltenere Entwicklung als die Geburt einer Sonne. Alle Menschen dieser Erde haben zu aller Zeit insgesamt nur so viele Gedichte geschrieben, wie Bakterien in einem Löffel Yoghurt sind. Das ist wenig, das ist viel. Nur wir haben das jedenfalls getan, wir Menschen, hier auf der Erde. Sonnen gibt es überall, Gedichte nur hier.

Wir sind belanglos. Für alle. Für jeden. Wir sind Sandkörner. Das lehrt uns der Raum, das zeigen die Sonnen, darüber lachen die Bakterien. Wir sind umgeben von einer Tausendschaft an Riesigem und Winzigem. Wir sind das talentierte Randprodukt. Wir sind winzig, wir sind flüchtig. Wir sind unsäglich gefährdet. „Ein fraktales Ereignis in Zeit und Raum“ - wenn sich die Worte, die unseren Zustand beschreiben, immer mehr verkürzen, schließlich in Formeln enden - m = r x z x d2 x 10-666 Wahrscheinlichkeit (Mensch ist gleich Raum mal Zeit mal Denken im Quadrat dividiert durch fast unendlich geringe Wahrscheinlichkeit, dass es sowas gibt) - wenn sich die Worte zur Sprache der Wissenschaft verkürzen, verliert es sich, dieses Aufeinanderprallen unseres Belanglosen im Allgemeinen mit dem Besonderen, das wir sein dürfen. Deshalb wird hier versucht, etwas länger über die Wucht des Raumes, den Mord der Zeit, den Platz des Einzelnen und das Ende aller Dinge zu sprechen.