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Text zur Szene 2 „Schwarz gekleideter Sitzender mit Kapuze“

Die Zeit. Die Zeit ist der Hammer. Jede Zeiteinheit hämmert sie. Das Prasseln der zuschlagenden Hämmer. An jedem Ort tickt die Zeit unabhängig vom andern - der ganze Raum ist ein Punktgeflecht tickender Uhren, ein wirres Voranpreschen, ein stetiges Aufsteigen vergangener Zustände aus offener Zukunft. Die Zeit ist ein Auktionshammer: Ein zeitfreier Zustand bietet seine Wahrscheinlichkeiten an, und der Zustand, der im Geflecht mit den andern die größte Wahrscheinlichkeit besitzt, tritt ein - wahrscheinlich. Nicht unbedingt. Die Zukunft bleibt unberechenbar. Das macht sie so wenig heimelig, wie die Vergangenheit zugänglich ist: Für immer unserem Zugriff enthoben ruht sie, legt sie fest, zwingt sie. Etwas Geschehenes ist grausam faktisch, etwas Vorbeigehuschtes ist alsbald verloren.

Alle und alles ticken scheinbar mit der Zeit. Ohne Hirn sind die rätselhaften schwerelosen Zustände, für die keine Zeit vergeht: Energiewellen und Kräfte in Elementarteilchen. Sie umgeben uns, doch sie können uns nicht berichten, wie es sich zeitfrei lebt. Genau besehen, sind sie Symbol und Klärungsangebot für das Paradies: Ewiges Leben? Dahinschweben? Das Licht befindet sich in diesem Zustand. Aus unserer Sicht rast es immer mit der maximal erreichbaren Geschwindigkeit davon - aus seiner Sicht befinden wir uns pausenlos im Sturzflug, weg vom paradiesisch-zeitfreien Zustand, spannen Raum auf, den das Licht nicht wahrhaben möchte bei seinem Davonrasen, und treten ein in einander festlegende Abfolgen - das ist eine Umschreibung von Zeit: Einander festlegende Abfolgen.

Zeit ist komplett tragisch. Sie ist der Garant des Untergangs. Auf der Erde sind Flugzeuge ihre räumlichen Verwandten: Sie kommen immer runter, garantiert. Zeit endet immer, ohne Ausweg. Sie durchläuft, sie lässt kämpfen oder warten, und dann bringt sie zuende, alle und alles. Zeit ist das Diktat des Menschen: Verdräng mich oder nimm mich wahr, nutze oder vertrödele mich. Ich lasse alles mit mir machen, und alles im allem mache ich: Schluss.

Zeit mit ihrer zwingenden Eigenart, mit ihrer höchsten Gewalt ist die Herausforderung. Zeit ist der sture Löwe, mit dem wir kämpfen dürfen. Wer seine Zeit nutzen will, führt einen Kampf. Den Kampf seines Lebens. Es gibt den eleganten Umgang mit der Zeit: Wachsam, auf der Suche nach Intensivem, nicht hektisch, eher konzentriert, nicht immer, aber konsequent. Es gibt das Problem des Lebensweges: Wir werden geboren wie die Tiere und verstehen nichts. Wir werden erzogen im Verständnis anderer und laufen in Sackgassen. Bis wir die andern verstehen, bis wir uns finden, bis wir unsere Ziele destillieren - da ist viel Zeit vergangen. Für die meisten Menschenschicksale liegt der Zeitpunkt, an dem es zu spät ist, vor den Zeiten, die sie zufriedenstellend nutzen können.

Evolution heißt Entwicklung, im interessanten Fall Aufwärtsentwicklung, im Lauf der Zeit. Dass sich im Zoo der Elementarteilchen welche finden, die einen Wasserstoffkern bildeten, dass solche Wasserstoffkerne Materie bilden und die Reihe der Elemente starten, dass alle Materie Raum und Zeit aufspannt - solche möglichen Strukturen lassen im Paradies der energetischen Felder die Zeitfalle des Weltalls entstehen. Und wenn die Zeit es schafft, alles zu beenden: Gelangt das Weltall etwa zeitlich zuende? Das Ende aller Tage? Im Einzelnen wohl ja, im Prinzip natürlich nicht. Also der Kosmos hat gar keine andere Wahl, als da zu sein. Er ist stoffgewordene Mathematik. Und es hat den Anschein, als ständen wir mit unseren fünfzehn Milliarden Jahren derzeitiger scheinbarer Zeitdauer unseres Universums erst in einer Ecke der riesigen Halle der Zeit, als hätte der ganze Zirkus gerade erst begonnen, und wir rufen hinein, frühe Pioniere in einer supernova-gezeugten Sonne der zweiten Sternengeneration: Hallo, ist da noch jemand? Gibt es hier einen Ausweg?

Wir leben nicht ewig. Wir verlängern nur gerade ein bisschen unser Leben. Wir mussten mit dem Heranwachsen und Lernen, mit dem Aufarbeiten und Klären viel Zeit verbrauchen. Wir haben unsere Zeit, obwohl wir blind begannen, tapfer genutzt. Jetzt stehen wir hier und dürfen uns fragen: Was fangen wir mit der Zeit an? Dies ist die befreiende Frage. Wir haben ein endliches Paket Zeit mit unserer Geburt erworben. Wir wissen, wie ungefähr unser Leben verläuft, wie unser Körper belastbar ist und uns dann schleichend im Stich lässt, wenn da nicht sowieso der Hammer eines Unglücks uns vorzeitig aus dem Rennen wirft. Wenn wir den prinzipiellen Verlauf unseres Lebens beschreiben können - was fangen wir dann in diesem Leben an? Freudig haben hierzu die Philosophen ihre Bücher geschrieben, freudig auch erteilt jede Illustrierte den Kunden hierzu wöchentlich Ratschläge: Was fangen wir mit unserem Leben an?

Wenn wir uns fragen, was wir in unserem Leben anfangen, hat uns das Schicksal - eine Tochter der Zeit - bereits in zahlreiche zwingende Umstände hineingeworfen: Eltern, Ort, Platz in der Zeitgeschichte und Gesellschaft, Bekannten, Zufälle im Heranwachsen und Studieren. Eine Falle erwartet uns da: Dass die andern schuld sind. Dass irgendwer und rasch dann ganz viele schuld sind an unserem Leben. Ja, es stimmt: Fast alles um uns herum wird von anderen verursacht und nicht von uns. Aber nutzlos bleibt es, von Schuld zu reden. Nützlich ist es, den Befreiungskampf ins Auge zu fassen: Von da, wo wir sind, dahin zu gelangen, wohin es uns zieht. Und zweischneidig begleitet uns dabei die Zeit: Alles, was wir machen, ist am Ende des Weges wieder sinnlos. Wenn wir deshalb nicht machen, was wir können, haben wir nicht einmal einen Weg zurückgelegt.

Wir können in der Zeit einen Weg zurücklegen. Dies ist unser Geschenk mit unserer Geburt. Wie wir beim Blick in den Raum hinaus uns als kosmischen Volltreffer formulieren durften, weil wir überhaupt auf der Erde stehen und zum Blicken imstande sind, so sind wir auf bescheidene und antreibende Weise beschenkt mit Lebenszeit. Uns ist die Wahl gegeben, etwas dafür zu tun, dass wir Zeiten erleben, die gut sind.

Meine Mutter wurde geboren, meine Mutter starb. Ich konnte Fotos aus ihrem ganzen Leben zusammenstellen: Wie sie an keinem Punkt ihres Lebens, im Moment des Fotos, wusste, wie es weitergeht. Und ich sehe diese Fotos aus der Vergangenheit und weiß, wie es weiterging: Ziemlich normal, ein normales Leben in Deutschland. Vorne musste sie sich ablösen von den Eltern, hinten war sie ziemlich krank. Es gab einen Krieg, es gab Männer, es gab ein Kind (mich), es gab Beruf, es gab Bekannte, es gab Erinnerungen, es gab Wohnung und Fotoalbum. Ihr Leben ist für mich nicht begeisternd, nicht tröstlich. Es ist zum Heulen in seinem belanglosen Verlauf, in seinem langen Alters-Auslauf, in seinen vielen blinden Zeiten voller Berufsarbeit. Ich suchte und fand die Stelle in ihren Fotoalben, und meine Mutter hat sie wohl, rückblickend, auch gefunden, die erst nachher erkannte beste Zeit ihres Lebens. Da steht auf einer Seite, die meine Mutter mit zwei Freundinnen mehrfach abbildet, sie mögen zwanzig gewesen sein, mit Bleistift geschrieben: Wir sind glücklich.

Wir sind glücklich... wenn eine Zeit gut ist, will ich ihre Gegenwart feiern. In schlechten Zeiten will ich für meine Zukunft arbeiten. Für spätere schlechtere Zeiten will ich meine gute Zeit mit modernen Mitteln festhalten: Fotos, Filme, Worte, Kunst. Ich will gute Zeiten erzeugen. Ich will sie ausquetschen, so dass ich schlechte Zeiten gleichgültiger durchwandere. Ich häufe Schätze, auch wenn ich weiß, dass ich sie verlieren werde. Ich weiß, dass ich am Ende alles abgebe, und baue aber vieles auf, weil es sein kann, dass dieses Ende fern ist und ich froh bin über gehäufte Schätze, sie dankbar immer wieder aufgreife. Ich baue schnell vieles auf, weil es sein kann, dass ich bald alles abgeben muss. Ich habe das Gefühl, dass es mehr Sinn macht, wenn ich meine Zeit nutze, als wenn ich sie nicht nutze. Die andern holen mich aus meiner Schafferei heraus und sagen: Lebe jetzt, mit dem, was gerade ansteht. Bleibe im Alltag. Es macht keinen Sinn, nur für die Zukunft zu arbeiten. Sie haben auch recht, scheint mir. Ich muss pendeln zwischen Dasein und Aufarbeiten.

Surfen stelle ich mir als eine mit der Lebensführung vergleichbare Sportart vor: Die Welle treibt heran. Wenn ich mich nicht gekonnt verhalte, begräbt sie mich. Ich surfe also und nutze die Welle aus, die mich da treibt. Am Ende kommt das Ufer und die Welle läuft aus, ganz sicher. Die Lebensführung ist eine Surfleistung, und das Ufer ist der Tod. Ich werde deshalb nicht surfen. Ich werde zu leben versuchen und muss damit klarkommen, dass ich am Ufer strande.