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Text zur Szene 3 „Person mit Beschriftung“

Das Ich. Die Person. Der Einzelne. Das Individuum. Die Persönlichkeit. Das Bewusstsein. Das Ego. Die Wahrnehmung. Hier steht es, das organische Gebilde, nach langer und erstaunlicher Evolution, und blickt sich um. Innerer Kosmos trifft auf äußeren Kosmos. Das Getrenntsein dieser Kosmen ist verwirrend, gigantisch und eine Erfahrung, die für alle Gedanken erforderlich ist, die hier geäußert werden: Wir haben eine Innenwelt. Wir sind eine Innenwelt. Sie ist gewachsen aus blindem Beginn. Es wurde in sie hineingefüllt, und sie war auch bei der Gattung „Mensch“ auf dieses Hineinfüllen vorbereitet: Motorik lernen, Sprache verstehen und sprechen, sozial sein, Kinder lieben und zeugen.

Unsere Innenwelt trifft an ihren sinnlichen Schnittstellen auf die Außenwelt. Die Außenwelt prasselt herein in die Innenwelt. Die Außenwelt lässt sich nicht verformen, nicht zurückrufen, ist nicht plastisch und ganz anders fantastisch als die Innenwelt. Wenn wir von der Brücke springen, stürzen wir ab und werden niemals fliegen. Ein Löwe in der Wildnis tötet uns und wird sich nie streicheln lassen. Flugzeuge, die ins World Trade Center hineinrasen, erzeugen eine Katastrophe, und kein Supermann ist zur Stelle, der rettet. Die Außenwelt ist kein Film oder Theater, kein Wunsch oder Fluch, kein Traum oder Alptraum. Sie ist kantig-hart und liegt in der Bilanz wenig in unserer Macht.

Unsere Innenwelt können wir dirigieren. Nicht aus dem Nichts heraus - wir sind also keine Götter unserer Innenwelt. Aber in der Fülle, die in uns eingegeben wurde, die wir hineinließen, die uns der Zufall zuführte und zu der uns die Absicht lenkte - in dieser Fülle können wir navigieren, arrangieren, sortieren. Wir sind Opfer der Außenwelt und Herrscher der Innenwelt. Nochmals: Wir sind bei weitem keine absoluten Herrscher. Wir sind vielmehr Erbfolger, die eine ganze Menge an biologischem Erbgut und Wucht unseres Milieus bei Antritt unserer Herrschaft zu berücksichtigen haben. Aber unsere Bewegungsfreiheit und unsere Kraft, aus der Innenwelt heraus etwas zu schöpfen, sind gegeben, sind ausbaubar und können uns zu außergewöhnlicher Freiheit führen.

Wir sind Gast in der Außenwelt. Bewohner sind wir nur in unserer Innenwelt. Nichts sonst gehört uns. Schon unsere Füße sind ein wenig von uns entfernt. Das Gehirn in seiner unglaublichen und verzwickten Verdrahtung ist der Ort unseres Bewusstseins, unserer Innenwelt. Wir sind Gast in unseren Kleidern, Gast in der Wohnung, die wir gekauft oder gemietet haben. Wenn wir uns begegnen, sind wir zu Gast beieinander. Wir sind zu Gast in einer Stadt, in einer öffentlichen Ordnung. In Bruchteilen eines Landes, eines Kontinentes - da sind wir zu Gast. Wir sind die erstaunlichsten und tollsten Gäste des tollsten Planeten im Universum: Der Erde.

Jeder Mensch ist vom andern so weit entfernt wie Sonnen im Weltall. Wir können uns nie treffen. Wir können nicht verschmelzen, nicht eins werden. Wir sind durch absolut trennende Schädelkapseln, wirksam wie tausend Lichtjahre leerer Weltraum, voneinander entfernt. Alle Gespräche sind Funkbotschaften zwischen voneinander entfernten Welteninseln. Wir haben gemeinsame Codes entwickelt, können einander belehren, beeindrucken, uns auch vor den Kopf stoßen. Aber wir wissen nichts genaues voneinander. Wir bleiben getrennt in unseren Körpern, in den Archiven unserer Innenwelt, die nur allein uns zugänglich sind. Alle Kontakte mit Mitmenschen spielen sich an dünnen Oberflächen zueinander ab. Darunter bleiben wir vereinzelt, sind nur für uns verantwortlich, sortieren allein die eintreffenden Signale und geben unsere Nachrichten über einengende Filter an unsere fern bleibenden Nachbarn.

Das letzte, was wir tun können, ist, einander zuzuwinken. Wir treiben auf unseren Flößen im Mahlstrom der Zeit, ein jeder treibt schließlich allein auf einem eigenen kleinen Floß, einem Weltausschnitt, in dem er mit seinem Körper zu Gast ist. Und wenn wir ein halbwegs gutes Leben hatten, wenn wir als zentrale Lebenserfahrung mitnehmen durften, dass es besser ist, freundlich zum Andern zu sein und nicht gemein - dies ist keineswegs bei allen Menschen gegeben - wenn also so weit unser Leben gut ablief, dann werden wir, auf unseren einzelnen Flößen treibend, einander zuwinken und wissen, dass wir allein im All treiben müssen, allein sterben, ganz weg sind dann, und es war eben die einzige beste Geste, die wir unseren Kollegen zuwenden konnten: Dass wir uns zuwinken.

Gesellige Einsamkeit lässt uns beieinander sitzen. Den größten Teil ihres Lebens verbringen die meisten Menschen in Monologen zueinander, in Dialogen und Darbietungen: Auf andere gerichtet, in betriebsamer Weise ohne Blick auf sich selbst. Der „Blick auf sich selbst“ meint nicht das egoistische Voranboxen und Schlängeln in der Gesellschaft - das probiert jeder. Es geht um die Chance, alles gesehen, alles erfahren und alles erlebt zu haben, bevor man stirbt. Dazu braucht ein Mensch die Kunst der Ausweitung und der Einschränkung. Er muss nicht enorm reich sein, nur ein bisschen. Er muss nicht enorm viel reisen, nur wachsam reisen. Er muss nicht alles lernen, aber neugierig sein und passend aufsuchen, passend auswählen, gut verknüpfen, gut in sich hinein nehmen. In sich hinein nehmen, Erlebnisse passend machen: Da ist er, der Blick auf sich selbst.

Alles gesehen, alles erfahren und alles erlebt zu haben - wie soll das gehen? Weil ein Ausschnitt der Welt alles enthält. Schon beim unschuldigen Betreten erfahren wir enorme Mengen über einen Ausschnitt der Welt, also zum Beispiel über einen Urlaubsort, einen Arbeitsplatz, ein Museum - und nach einer zwei- und dreifachen Wiederkehr bereits beginnt ein anderes Verhältnis zu wachsen: Wir sind daheim. Wo wir das Gefühl einer Heimat haben, da belassen wir vieles gerne, wie es ist. Ein Ausschnitt der Welt - ein Musikstück, eine Wohnungseinrichtung, eine Speise, ein Haustier und so weiter - begegnet uns mit einem Drittel seines Gehaltes in der kurzen Zeit, in der wir ihm zum ersten Mal begegnen. Auch in einer vielfach längeren weiteren Zeit unseres Kontaktes begegnet uns der Weltausschnitt höchstens zu einem weiteren Drittel seines Gehaltes. Das letzte Drittel des Gehaltes eines Ausschnittes der Welt offenbart sich uns, wenn wir ihn verlassen.

Wir brauchen die Kunst der Ausweitung. Wir müssen das, was uns antreibt und interessiert, aufsuchen, aufnehmen, erleben, auskosten können, bis wir uns imstande fühlen, es gesättigt zu verlassen. Da gibt es Menschen, die sagen: „Ich kenne meine Ziele nicht“, oder: „Ich habe keine weiteren Ziele, als sich jetzt schon eingefunden haben“. Sie brauchen sich nicht auszuweiten, und sie können die Welt nach rundem Lebensbogen gesättigt verlassen - ich gratuliere. Da gibt es Menschen, die sagen „Ich habe zwanzig Ziele“. Ich fürchte, um diese Ziele zu erreichen und satt verlassen zu können, brauchen sie fünf Leben, haben aber nur eines. Ich glaube aber auch, dass es in der ganzen Welt gar keine zwanzig Ziele gibt. Ich glaube, dass ein Mensch null bis allerhöchstens fünf verschiedene Ziele in sich entdecken kann. Ich glaube, dass die meisten Menschen - wie ich - ein bis zwei Ziele in sich tragen. Und ich glaube, wenn sie diese Ziele erreichen und ausfüllen können, haben sie alles erreicht, was es auf der Welt für sie zu erreichen gibt.

Die Außenwelt ist das eine - und von ferne gesehen ist sie für alle gleich. Die Innenwelt ist das andere - und sie ist in jedem einmalig und besonders. Unser innerer Kosmos ist vergleichbar umfassend wie der äußere. Während wir dem äußeren Kosmos nur zu einem Bruchteil begegnen werden - und dieser Bruchteil aber das Hinreichende über den Kosmos aussagt - können wir unserem inneren Kosmos allüberall begegnen, müssen aber intensiv arbeiten, damit wir uns gesättigt zu verabschieden imstande sind. Äußerer und innerer Kosmos sind scheinbar ganz verschieden in Anspruch, Bedeutung und Erfassbarkeit für uns. Wegen der einmaligen Zugänglichkeit unseres inneren Kosmos aber gilt: Sind wir innerlich klargekommen, haben wir den Kosmos - auch den äußeren - durchwandert.

Wir brauchen die Kunst der Einschränkung. Einschränkung meint, eine persönliche Balance zu finden zwischen Bereitstellen und Organisieren von Notwendigem, sich aber nicht zuzupflastern mit Dingen, deren Ansprüche das Leben auffressen. Diese Balance ist aus zwei Gründen schwer zu finden: Erstens fordern die Notwendigkeiten, die wir benötigen, ihren Preis. Ein großes Haus sagt: Die brauchst Helfer. Ein Unternehmen sagt: Du brauchst Personal. Eine Frau sagt: Wir entscheiden gemeinsam. Ein Kind sagt: Versorge mich, bis ich groß bin. Und so verbringen wir mit dem Versorgen der Notwendigkeiten unseres Lebens viel Zeit. Zweitens schätzen wir die Folgen unserer Entscheidung nur pauschal ein, wenn wir uns entscheiden, etwas aufzusuchen. Wir kennen das ja nicht, was wir da in unser Leben hineinnehmen. Ein Schulabgänger sagt: Ich werde Konditor. Er will Hochzeitstorten gestalten, aber er muss Zwetschgen schneiden, Kunden zufriedenstellen, mit Kuchenfabriken in Konkurrenz treten. Ich habe einen Galeristen getroffen, der sagte: Hätte ich am Anfang gewusst, was mich da erwartet - ich hätte das nicht zu beginnen gewagt... Wir müssen Lehrgeld zahlen, Suppen auslöffeln, Pannen verarbeiten, Risiko eingehen. Von daher wird der Kosmos, der sich erreichen ließe, wegen zahlreicher vorzeitiger Tode nicht unbedingt erreicht. Oft heißt es: Pech gehabt.

Einschränkung, um alles zu erleben, alles zu wissen, um satt zu sein. Einschränkung durch Vorbeigehen, rasches Einschätzen, schnelles Auswählen, durch das Eingehen von nach Möglichkeit kalkulierten Risiken. Die Fähigkeit, sich einzuschränken, als Reserve. Also zurücktreten können, wenn das Leben fehlläuft. Mit enorm Wenigem auskommen können.

Und wir können Pech haben. Wer Pech hat und vorzeitig stirbt, hat neunzig Prozent des Weltalls kennengelernt, das er bei seinem erfüllten Leben angetroffen hätte.