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Abendstimmung Szene 4 „Treffpunkt Mensch“

Wenn du geboren bist, bist du schon beschenkt. Wenn du gesund bist, hast du den Mittelpunkt deiner Welt erreicht. Wenn du deinen Trieben nachzugehen schaffst, ohne jemanden zu verletzen, bist du ein Gott. Willst du noch mehr, als geboren zu sein und dahinzuleben, als größere Teile deines Lebens gesund zu sein, als eine faire Erfüllung deiner Triebe? Es geht. Aber bei allem, was darüber hinaus geht, kenne deinen Preis: Du weißt und erlebst, dass du stirbst. Natürlich kann dir auch vorher gesagt werden, dass du stirbst. Aber im häufigen, noch einfachen Fall stirbst du, weil andere schuld sind, wegen höherer Gewalt, in einem passiven Einklang mit deinem Leben.

Egal, was du schaffst - du gibst den Löffel ab. Das ist einem Menschen zunächst egal. Seit der Geburt schafft und rafft er. Zunächst aus banalem und kurzsichtigem - aber durchaus richtigem - Grund: Da gibt es doch noch etwas beizubehalten, zu verteidigen, zu steigern. Später dann auch mit einem Blick in die Ferne wie beim Lottospiel: Da könnte doch eine Chance sein auf Weiteres und Größeres. Und schließlich philosophisch: In jedem Moment meines Lebens bin ich frei zu wählen - will ich es jetzt bleiben lassen und das Nötige einleiten, um mich aus dem Leben zu verabschieden, um zu sterben, oder will ich weiterleben und dann auch mich auf das Leben einlassen - kämpfen, schöpfen, vorangehen?

Ich bin mit dem Leben als Mensch beschenkt, mit dem Leben auf der Erde, als Besonderheit im Kosmos. Ich werde nie allen Raum kennenlernen - im Gegenteil: Winzige Ausschnitte nur begegnen mir. Ich bin eine aufflackernde Sekunde im riesigen Takt der Zeit - hinter mir türmen sich die Generationen. Hinter mir sind unglaubliche blinde Zeiten lang nichts als Tiere über die Erde gelaufen, ohne Blick für die Weite eines Tales, ohne Vermutungen über zukünftiges Wetter mit Blick in den Himmel. Hinter den Tieren war alles so tot wie das Meer, der Wind, die Sonne - ein physikalisches Schweigen und Donnern. Was in längeren Zeiten vor mir liegt, werde ich nie erfahren. Ich werde nach dem Umfallen meines Körpers nicht mehr zuschauen dürfen, nicht mehr eingreifen können. Andere werden weiterstampfen, und sie werden fern von mir sein und handeln.

Alles außer mein Leben läuft ohne mich ab. Alles außerhalb von mir ist mir unwiederbringlich fern. Von den Dingen außerhalb von mir habe ich nur Bruchteile kennengelernt. Das, was ich kennengelernt habe, ist aber umfassend: Es füllt mich ganz aus, es liefert mir alle Substanz. Ich bin in meiner extremen Ausschnitthaftigkeit ein komplettes Universum. In mir vibrieren die gleichen Atome wie in der Sonne. In mir herrscht die Leere des Weltalls. Zwischen meinen Gedanken klaffen Räume wie zwischen Galaxien. Und mir ist eine Zeit gegeben, wie sie keine Galaxis bietet: Eine Zeit mit Bewusstsein.

Wenn ich nur eine Sekunde existiere - und ich existiere aber gerne stundenlang - so habe ich das Weltall ausgeschöpft. Wenn ich mein ganzes Leben wie eine Sekunde empfinde, so habe ich Recht. Die größte Präsenz erlebt sich selbst hautnah im Moment, nur hier und jetzt, ohne vorher und nachher. Sie erkennt da die äußere Unendlichkeit und trifft auf eine innere Unendlichkeit. Trifft auf Freiheit, Grenze, Schönheit, Abstieg, Genuss und Ende.

Wenn ich aus einer Sekunde herabsteige, die alles zeigte, die alles verdichtete, die darin aber auch vage blieb, die Stoff und Geist in einen Wurf verband, in einem Wurf, der Kürze und Länge überwand und darin Unendlichkeit fand - wenn ich aus solcher Sekunde herabsteige, und ich muss herabsteigen, dann existiere ich anschließend weiter. Dann finde ich mich wieder im Takt der Zeit und im Schmerz des Lebens. Alles zu kennen, nützt mir nichts beim Geschirrspülen.

Meine Existenz gibt mir Grund: Zu kämpfen. Zu arbeiten. Zu jubeln. Die Erfüllung zu suchen. Und von der Erschöpfung zu wissen.

Meine zwei, drei persönlichen Ziele: Für sie arbeite ich. Während ich für sie arbeite, bin ich zufrieden, kann mich konzentrieren. Ich habe ein Gefühl, das dem aus meiner Kindheit gleicht: Wenn ich an etwas arbeite, das mich interessiert, wenn ich für ein persönliches Ziel arbeite, spiele ich. Ich spiele und spiele, und es ist das erste Schöne. Wer spielt, existiert auf die erste beste Art.

Der Lohn. Der Jubel. Der Erfolg. Ein Ziel erreicht zu haben. Ganz klar: Da ist die zweite Form einer besten Existenz. Eine kurze Existenz, denn bald türmen sich neue Berge auf, immer und ganz sicher. Momente des Erfolges und des erreichten Zieles sind zerbrechlich, passiv, wertvoll, erinnernswert. Sie sind ein Tortreffer im Leben.

Rings um Inseln aus bejubeltem Erfolg, rings um gesicherte Zeiten einer dem Spiel verwandten eigenständigen Arbeit, unterhalb jener Ausnahmesekunden, in denen man sich als Alles und Nichts erkannte - da tobt das Meer der Probleme, der Pannen, der Improvisation, des Jonglierens, Navigierens, des Pechs, des Leides, der Zwänge. Und so gibt es einen vierten Zustand, der eine Bereitschaft zum Abgang herbeiführt, wie sie die erstgenannten drei Zustände auch ins Auge fassen können: Die Erschöpfung.

Wir kennen nicht alles, aber genug. Wir haben dies und jenes erreicht, keineswegs alles, was uns wichtig war. Wir haben deutlich verloren. Und es muss uns egal sein. Wir sehen, dass es niemandem wichtig ist, dass wir verloren haben. Wir sind bedeutungslos. Wir haben den Eindruck, dass der Unterschied zwischen einem strahlenden Gewinner und einem Erfolgreichen im Vergleich zu einem allerletzten untergegangenen Verlierer verblüffend viel geringer ist, als der Streber mit seinem Erfolg je wird wahrnehmen können: Wir sind als Verlierer die ungesehenen ganz nahen Nachbarn des Gewinners. Und weil wir als Verlierer dies sehen, geben wir ganz auf und treten ab. Wir können ganz aufgeben, in kraftloser Weise. Wir sind resigniert und darin gefüllt. Wir sind ganz voll mit allem Leben. Wir haben die Nase voll und sind bereit, uns zu verabschieden.

Das war es dann. Der Blick in den Raum. Der Blick in die Zeit. Der Blick auf den einzelnen Menschen. Der Blick auf das erreichbare Höchste im Leben - Sekunden, Spiele, Erfolge - und auf den nahen Nachbarn: Die Erschöpfung. Mit all dem im Herzen, mit aller Bereitschaft, viel und weiter zu arbeiten, mit der Bereitschaft, alltäglich zu sein, mit dem Wissen, ein winziger Ausschnitt zu sein, mit dem Gefühl, jederzeit schon alles zu wissen, es nur noch zu präzisieren, besser auszudrücken, das Leben und Wissen, mit der mehrfachen Erfahrung des Verlierens und der Erschöpfung, ziehe ich meine Kleider an.

Ich setze mir eine witzige Kappe auf und nenne sie „Die Erleuchtung“. Niemand glaubt mir die Bedeutung dieses Mützchens, und tatsächlich weiß auch ich nur: In einem Erleuchtungszustand war ich, da bin ich jetzt aber nicht. In diesem Zustand habe ich beschlossen, hier zu sein, wo ich jetzt bin. Also los, hier bin ich. Ich kleide mich in Unterwäsche der Erschöpfung. Und ich glaube, jeder Mensch trägt solche Unterwäsche. Ein Hemd ziehe ich an zum Spielen, nah an meinen Händen. Hosen ziehe ich an für das banale Voranschreiten, für ein Nichtaufgeben, für das Nutzen meiner Zeit. Einen Mantel lege ich bereit, auf den ich mich freue, wenn ich mir genehmige, ihn tragen zu dürfen. Denn es ist der Feiermantel des Erfolges. Ja, das war´s. Willkommen Erde, willkommen Sarg. Ich bin bereit, zu sterben.