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Foto von Chris Mennel:
Karin R. in Turku/Finnland in einer Pose für "Human Mutations"

"Abendstimmung" ist ein Bühnenstück - ich will es aber nicht als Theaterstück bezeichnen - mit seinem kompletten Text hier im Internet. Bei einem Theaterstück erwartet man ja schon bitteschön, dass die Schauspieler sich bewegen. Das ist bei "Abendstimmung" durchaus möglich - mögen die vier Darsteller in großen Gesten schwelgen, mir soll es recht sein. Aber es geht eben auch starr, starr wie in einem Beckett-Stück, bei dem von den Darstellern nur noch die Köpfe aus dem Sand ragen.

Der komplette Text darf und soll sich im Kreise drehen. Wenn ein Darsteller - ich rede jetzt nicht mehr von Schauspielern - ihn gesprochen hat, macht er eine Pause und beginnt von vorne.

Das Publikum darf und soll flanieren. Die Texte sind so gebaut, dass der Einstieg jederzeit möglich ist. Es gibt also keine Handlung in diesem Bühnenstück, die es erfordert, dass der Zuschauer und Zuhörer sich auf eine zeitliche Abfolge einlässt. Es gibt nur geäußerte Sätze, die in Logik und Verstand durchaus ihre Abfolge und Konsequenz haben. Also wir sind in "Abendstimmung" fern von leeren Worten. Wir durchwandern ein Prasseln von bedeutungtragenden Sätzen.

Es gibt in diesem Stück ein Vertrauen auf die menschliche Art, Inhalte aufzunehmen und zu verarbeiten: Ständig, gerade auch von Kindesbeinen an, geraten wir mitten hinein in eine Szene und machen uns schrittweise einen Reim darauf. Es ist im kommunikativen Alltag das Übliche, dass wir mitten in einer Situation starten und sie uns nach vorne und hinten dann aneignen. So also darf das Publikum flanieren: Sich den verschiedenen Darstellern nach eigener Neigung nähern, ihnen nach eigenem Vermögen lange oder kurz zuhören, weiterwandern, und schrittweise die Bedeutung des magischen Raumes erfassen, den die vier Darsteller aufspannen.

Ja, aus meiner Sicht bietet "Abendstimmung" durchaus einen magischen Raum. Der Besucher ist hier zu Gast in dem, was ich als philosophische Quintessenz in einem bestimmten Moment meines Lebens formulierte. Im Prinzip habe ich all diese Texte in einem riesigen Schwung, über Stunden tippend, an einem Abend in den Computer gejagt. Klar gab es feine Änderungen. Aber "Abendstimmung" atmet den Geist eines einzigen Momentes - eines Momentes, in dem einem Menschen - mir, dem Autoren - vieles klar wird, sich vieles zusammenfügt.
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Ein melancholischer Geist waltet in "Abendstimmung", und ich kann mir gar nicht vorstellen, dass man aus einem anderen Geist heraus die Worte in diesem Stück sprechen kann. Dieser Geist muss sich beim Beginn seiner Rede darüber klar sein, dass er bis zu seinem Ende denken und reden und fühlen wird. Er wird vom Geborensein reden, vom Geworfensein in die Welt, vom Umgehen mit seiner Geburt und seinem Geworfensein und mit der Welt, und er wird sich vergegenwärtigen, dass er sterben muss. Sterben wie eine Eintagsfliege.

"Abendstimmung" atmet den Geist der existenzialistischen Philosophie. Es ist entstanden aus meinem Unwillen, Philosophie wie ein endloses Geplätscher zu studieren. Mich trägt dem entgegen die Überzeugung, dass man alles Philosophieren für sich als Einzelperson ballen kann, zur Quintessenz treiben kann, und nach solcher Ballung befriedigt, befriedet und in vorsichtiger Weise erleuchtet die Arena des Philosophierens verlässt. Das eben passiert hier, in Abendstimmung. Lasst euch erleuchten.