Antithese
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Reisen? Ich doch nicht.
       

Die Unterstellung, alle würden gerne reisen, ist überwiegend berechtigt. Nur bei wenigen, und als einer dieser wenigen entdecke ich mich, passt sie nicht. Ich habe nur mal mit 18 gedrängt, in die USA zu reisen. Das war „Die frühe Reise, die mich schon kurierte“ - so kann ich das intern überschreiben. Extern hantiere ich beim Reisen mit gesellschaftlich mir Zugeschobenem - Reisen ist ein Sektor in der zweiten Reihe meiner Handlungen. Um das zu erläutern, gehe ich hier mal mit den Reise-Klischees ins Gericht.

Das Urbild einer verkorksten Reise ist für mich die Kreuzfahrt. Käfig und Fress-Völlerei. Landgang und Besichtigen mit Zeitdruck. Wie kann man sich auf diesen Reise-Bluff einlassen?

Altertümer besichtigen? Ja gerne... ja weiterhin... und stopp. Ich habe genug genug genug genug genug Altertümer gesehen. Mein Kopf kann nicht mehr. Ich will von keinem Altertum mehr wissen, wer es wann warum gebaut hat. Also Schluss mit Altertümern. Sie stehen überall herum, auch noch in Finkenbach. Ich steuere kein Altertum mehr an. Wenn wir dran vorbeifahren, steigen wir aus und tun so, als würde es uns interessieren. Wir gehen da aber schlicht spazieren. Tut mir leid, ihr Pyramiden. Toll, dass und wie es euch gibt. Ich stelle mir eine kleine magische Pyramide, in die man hineinschauen kann, aufs Küchenregal. Aber ich fahre nicht zu euch.

Der Palmenstrand? Der weiße Sand? Das blaue Meer? Das tropische Klima? Kenne ich nur aus Fotos. Da glaube ich nicht dran. Ich weiß von Rohbauten hinter den Palmen, in die „Gäste“ gepfercht werden. Ich weiß von rappelvollem Strand mit kargem Sand. Ich weiß von Regengüssen am Urlaubsort. Nie habe ich den leeren Strand da getroffen, wo das Klima mild war. An der Nordsee bei Sturm hingegen, da herrscht dieses Leergefegtsein von Menschen, hoho.
Mir scheint, dass mich diese Fotos gar nicht locken. Ich sehe so ein Strandfoto und frage mich: Was zur Hölle mache ich dort am Strand? Rein ins Wasser, baden, wieder raus, abtrocknen, und dann? Rumliegen? Ich? Drei Minuten, und Schluss ist mit Rumliegen. Ich muss mich doch nie erholen - na gut, mal fünf Minuten, mal ein Zwischenschlaf. Aber Urlaub zwecks Pausieren habe ich nie gebraucht. Meine Wohnwelt und meine Zeiteinteilung kann ich mittlerweile zur Hälfte - das ist viel - den eigenen Wünschen anpassen. Ich mag viel Abwechselung und nie Urlaub mit Nichtstun. Heraus kommt der Verzicht auf Wegfahren, außer ich habe einen abwechslungsreichen Auftrag. Das, womit die Palmenstrandfotos werben, brauche ich nicht, und es ist eben überdies gelogen.

Die fremden Menschen? Oje, die können kein deutsch. Wir stottern. Wenn Krieg wäre, wären sie „die Feinde“. Weil Frieden ist, sollen wir zahlen. Ich glaube nicht, dass es zweckfreie Gastfreundschaft gibt. Bestenfalls protzt dir ein Ausländer vor, wie toll seine Heimat sei, und findet dich toll, wenn du ihm zuhörst. Ich habe nie erlebt, dass sich ein Ausländer für meine Heimat interessiert (jaja, den Grund kennen wir: Ich habe gar keine. Deutschland ist Grönland für mich, Bonn ist gestorben und Stuttgart eine Bauruine). Und würde er mir seine Klischees über meine Heimat erzählen, der Ausländer, läge es aus meiner Sicht daneben, egal, ob da Bayern hübsch ist oder jeder Deutsche ein Hitler - beides ist falsch und peinlich.
Abenteuer-Reisen? Hahaha. Schaut euch diese Menschen an, die da mitmachen. Grausig. Die suchen Geselligkeit. Die machen Geselligkeit. Und der Veranstalter macht noch mehr Geselligkeit. Es ist konforme Geselligkeit. Drafting, Rafting, komisches teures Zeug. Und weil ich schon dabei bin, packe ich alle Geselligkeit herstellenden Angebote mal hier hin zum Lachen über kommerzielle Geräusche von Abenteuer - beispielsweise das AOK-Radfahren rund um die Stadt, mit diesen behelmten Würdenradlern (Wortspiel zu „Würdenträger“ - also alle stelzen beim Absteigen herum mit dem Gestus, wie würdig ihre Tätigkeit sei. Oje. Sie ist konform).

Was ist denn der Hänger beim Konformen? Es kann kein Abenteuer sein. Da liegt ein Irrtum vor, Leute. Ihr imitiert das Abenteuer. Es wird euch vorgekaut. Ihr scheitert noch am erstiegenen Himalaya. Ihr seit konforme Witzfiguren.
Ich hingegen tackere 30 Fotos an einen Overall, steige hinein und laufe damit durch die Fußgängerzone. Da kommt mir der nichts kapierende, vorsorglich verbietende und den Ausweis verlangende Polizist näher, als euch je der Wasserbüffel in Ostafrika kommt.

Also gewerblich verkaufte Abenteuer-Reisen sind von vorneherein passé. Abenteuer-Strecken, die jemand vorgefahren ist und ein Buch darüber geschrieben hat, sind ziemlich ent-abenteuert. Ihr seit mindestens der ewige Zweite. Faktisch seid ihr der millionste Imitator.

Zum Herstellen eines Abenteuers muss man Pionier sein. Kinder sind da Meister drin. Geht mit den Kindern, bleibt im rasch erreichbaren Bereich um eure Wohnung, und es knirscht vor Abenteuer. Beziehungsweise es knirschte: Die Jungs zu neunzig und die Mädels zu siebzig Prozent sind nach ungefähr dem Jahr 2000 in der Ersten Welt Opfer der Verkaufsmaschinerie und der Medien. Aber das ist ein anderes Thema.

Ein Abenteuer versucht man als Erwachsener eigentlich zu vermeiden. Man dringt nur energisch vor in Pionierbereiche, so kontrolliert, so geplant wie möglich. Wenn dann das letzte Schiff nicht fährt wie geplant und man gegen Abend auf der Insel steht, hat man sein Abenteuer, unfreiwillig.

So. Jetzt komme ich zu einem versöhnlichen Schluss. Ich mag Ödländer. Also irgend ein Gelände, das von der Natur nicht eigentlich verwöhnt wurde, oder das vom Menschen verwüstet ist - nicht mit graden Ackerlinien bitte, sondern Modell "Braunkohlen-Abbau-Gebiet".

Jahrelang planten meine Freundin und ich, mal nach Island zu fahren. Aber ich mag keinen Regen. Ich mag so ziemlich jedes Wetter außer Regen. Dröhnende Sonne, grauer Himmel, Eiswelt? Bin ich dabei. Aber bitte kein Wasser von oben. In Island regnet es zu siebzig Prozent des Jahres. Die Fotos dort werden in den Regenpausen aufgenommen.

Derzeit bleibt Namibia. Da scheint man zu landen und kann gleich losstaunen. Vielleicht ist das aber auch eine afrikanische Lüge, wie der Sandstrand mit Palmen. Ich behalte Namibia mal im Auge.

Ersatzweise gehe ich durch eine Großstadtwüste. Dazu muss ich mit der Straßenbahn nur ein paar Stationen RIchtung Stuttgart City fahren, und das Ödland beginnt.