Nichtreisen
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„Ich stand an den Niagarafällen und musste gleich wieder weg“

Meine Neigung, nicht touristisch zu reisen

Nur einmal habe ich die Stadt energisch gewechselt: Von Bonn zog ich nach Heidelberg. Der Grund war die Flucht vor der täglichen Präsenz meiner Mutter. Seit ihrem Tod könnte ich wieder nach Bonn zurückziehen. Und in Heidelberg könnte ich im Prinzip auch wohnen. Allerdings hat die Polizei dort meine Wohnung für immer unbewohnbar gemacht.

Mit der Mutter und der Polizei hören die zwanghaften Gründe zum Wohnungswechsel nicht auf: Die Schulverwaltung verschleppte mich als Lehrer in die schwäbische Provinz. Nach einigem Zickzack landete ich in Stuttgart, wo ich nie heimisch wurde. Mit meinem ersten Erspartem plus einigem Leihgeld zog ich die Bremse und gründete eine eigene Heimat: Die Lila Villa. Die betrachte ich als Insel im Niemandsland.

Nur einmal sagte ich energisch: Da fahre ich als Tourist hin. Das war der Flug nach den USA, gleich nach dem Abitur, mit 18. Ich kann das, was dort ablief, feiern als Rekord an Ortsbesuchen quer durch den Kontinent in kurzer Zeit. Eher möchte ich es bilanzieren als lehrreichen Beleg, dass man nicht reisen soll, um andern etwas herzuzeigen. Dieses Herzeigen war mein aggressiver Grund für die USA-Reise: „Ihr redet so großartig vom Reisen in ferne Länder. Dann mache ich das mal.“

Nach den USA blieb ich in Europa, besuchte da aber häppchenweise viele Orte. Soweit dies touristisch geschah, rollte es mir vor die Füße. Ich wurde gefragt „Fährst du mit?“ und sagte üblicherweise „Ja.“ Legendär bleiben die drei Freunde, die vor meiner Tür hielten und fragten: „Kommst du mit nach Neuchatel?“ Ich „Ja“ - denn ich dachte, das ist eine Kneipe im Ort. Nicht mal eine Zahnbürste hatte ich dabei, und hockte drei Tage in der Schweiz... Mein Faible waren Reisen, die mit einem Auftrag verbunden waren - mit einer historischen Führung (durch Rom), mit einer Fortbildung (in Barcelona), mit einem Firmenauftrag (Vierwaldstätter See und Madrid). Reisen zu zweit, mit Sex an wechselnden Orten, sind ein zweiter guter Grund zum Reisen :-) Am häufigsten - und gerne - war ich in der Bilanz als Lehrer mit Schulklassen unterwegs.

Es wird nach solcher Aufzählung nicht direkt klar, wohin die Aufzählung zielt: Aus mir heraus hätte ich keine Stadt gewechselt und wohnte noch in Bonn oder Heidelberg. Aus mir heraus wäre ich nur ein bisschen mit der Freundin gereist - da genügt ein Ort in der Nähe. Von Bonn aus zelten mit Hanne, von Heidelberg aus Rheintour mit Rosi und von Stuttgart aus Bayern mit Beate.

Nur eine Sonderform der Reise habe ich aktiv betrieben: Hin zu Festivals, zu kulturellen Ereignissen. Das begann mit Fahrten von Bonn bis Düsseldorf, sobald der erste von uns ein Auto mit 18 hatte, und hört vermutlich nicht auf mit der Fahrt zu einer Oper 2014 auf dem Bodensee. Ich war ein Rock-Pop-Festivalbesucher, als diese noch verträgliche Ordnungskräfte hatten, nicht ausverkauft waren und die Werbung nicht aus jedem Bühnenaufbau kotzte. Nach zwei degenerierten Festivals - Highfield 2007 und Southside 2008 - brach in den Besuch großer Rock-Pop-Festivals ab. Es gibt aber noch schöne kleine, allen voran das "Umsonst und Draußen" in Stuttgart-Vaihingen.

Eine Verpflichtung zum gelegentlichen Aufenthaltswechsel gelangte dann noch durch eine Erbschaft zu mir: Im strukturschwachen Bereich der Pfalz, wo man Mehrfamilienäuser für vierzigtausend Euro kaufen kann, erbte ich ein derzeit unverkäufliches Stück Land mit 67-qm-Häuschen. Schön, schön. Zu diesem „Atelier Obermoschel“ bin ich also regelmäßig unterwegs.

Festivalbesuche, Reisen mit echtem Auftrag (erkennbar an guter Bezahlung oder erwünschter Fortbildung), erotische Kleinfahrten und ein 250 km entferntes Atelier auf dem Lande - mehr an Gründen zum Reisen sehe ich nicht bei mir. Also keinem will ich ferne Bilder zeigen. Niemandem muss ich Abenteuer berichten. 2012 lehnte ich ein Reiseangebot nach China ab, 2013 eines in die Türkei.

Mit dem Erwerb der Domain reise.photos ab 2014 eröffne ich nun schrittweise - das wird Jahre dauern - einen Rückblick auf mein Reisen. Wenn nichts weiter dazukommt, zeigt irgendwann ein Kranz von Homepages meinen aus all den Reisen herausdestillierten Charakter: Ich hätte an einem Ort mit Kleinfahrten in die nahe Umgebung bleiben können, und es wäre kein Gefühl in mir, etwas versäumt zu haben. Reisen bleiben bei mir ein „Leben über den Rand hinaus“. Bildung meine ich auch ohne körperliches Reisen erwerben zu können. Ich bin gesellig. Das führte mich zum Reisen. Ansonsten bleibe ich ein Spaziergänger und Stubenhocker.

Diese relativ faule Haltung beruht möglicherweise darauf, dass ich eben mit so vielem Reisen beschenkt wurde. Und wahr ist, dass meine Reisen enorme Impulse schenkten. Ich denke aber, dass meine zurückhaltende Einstellung zum Reisen den Fahrten, die dann doch passierten, ihre Zufälligkeit, ihre absurden Zielorte neben gängigen, meine Freude am Dokumentieren ("da komme ich nicht nochmal hin, weil ich aus eigenem Antrieb gar nicht reise"), ihr gelegentliches Antitouristisches und meine Dankbarkeit, wenn die Reise dann bitte auch wieder vorbei war, beschert hat.

Da stand ich wirklich. Das Foto ist von mir, an den Niagarafällen in den USA, irgendwann im letzten Jahrtausend. Aber das ist auch ein Irrwisch, ein viel zu schneller Traum. Zehn Stunden hätte ich dort sein wollen und sein müssen, an einem Tag mit wenig Touristen, unten und oben an diesen Fällen, und auch auf der kanadischen Seite. Ich meine mich zu erinnern, dass ich die Niagarafälle gegen Abend erreichte und den Anfang der Nacht dort "mitnahm". Zwei Stunden Hin- und Her- Düsen, und wieder weg. Damals schoss ich noch wenig Fotos: Vierzig analoge Bilder von zwanzig Tagen USA... Heute schieße ich bei Laune hundert digitale Fotos in zwei Stunden an den Wasserfällen von Bad Urach.