Vorwort
Home ] [ Vorwort ] Sortierung ] Nichtreisen ] Antithese ] bodenständig ] Gedicht ] Weiteres ] Impressum ]

 

Von woher nach wohin ich beim Reisen reiste
   

Mit 18 fluchte ich auf die damals durchgezogene "Fahrt nach USA". Ich hatte zu einem Drittel der Zeit Flughäfen gesehen. Ich hatte überall sein wollen und habe das mit einem Ticket "Fliege einen Monat lang so viel du willst durch die USA" durchgetrotzt: Ich an den Niagara-Fällen, ich in Las Vegas, ich in San Franzisko, ich in Washington, und natürlich New York, und auch noch New Orleans. Das war eine dumme Reise.

Ich habe früh und an einem hektischen Beispiel kapiert, dass ich ankommen muss und das auch will an einem Ort. Ich hatte den Wahnsinn eines Reisens zum Vorzeigen durchreist: Um andern zeigen zu können, wo man alles war. Ich weiß, dass manche aus solchem Vorzeige-Reisen ihre Daseinsgründe ziehen. Ich hatte nach der extremen USA-Reise keine Lust mehr darauf.

Auf Texel war ich, und es gibt kein einziges Foto davon. Nur eine Notiz habe ich, wie ich auf einer Wiese dort lag und über mir eine Lerche ganz unglaublich jubilierte: "Texel bird - so ein Gitarrensolo will ich mal versuchen, das diese Zicken und Launen wiedergibt, wie die Lerche sie singt."

Wir fuhren nach Venedig, und aus einer Schnapsidee von mir heraus, die meine Kumpels mitmachten, verzichteten wir total auf Papierunterlagen. Also wir hatten natürlich keinen Reiseführer - aber wir schauten auch nicht mal auf den Stadtplan. Als da mitten in Venedig mal ein breites Gewässer kam, nannte ich es scherzhaft "Canale Grande". Das war tatsächlich sein Name, wie ich später recherchierte. Wir sahen Hintergassen und verpassten den Markusplatz. Es gibt kein Foto von diesem Anti-Tourismus-Spaziergang.

Eine im Rückblick irrsinnige Fahrt mit meinem Auto durch Südfrankreich und Norditalien unternahm ich, sie muss vier Wochen gedauert haben, mit dreimal wechselnden Mitfahrern, mit Erlebnissen, die am Lagerfeuer amüsieren - und ich hatte stur nur eine Polaroidkamera dabei. Die Dokumente sind nun bloß ein Abklatsch. Da bin ich ein bisschen traurig, weil auf dieser Fahrt wirklich vieles einmalig war, bis hinaus in überpersönlich Besonderes.

Vielleicht schaffe ich einiges wenigstens im Text aufleben zu lassen. Und mindestens eine Passage will ich als Film nochmals nachdrehen.

Schrittweise aus solcher "Abkehr von der USA-Reise" heraus habe ich mich zum persönlichen Dokumentieren einer Reise mit der Farbkamera bewegt. Ich nehme mit einer typischen Nachlässigkeit die typischen Touristen-Denkmäler auch auf. Aber im Schwerpunkt bleibe ich bei meiner Wahrnehmung, anti-offiziell, spontan. Papier-Reiseführer schlage ich nicht vor Ort auf. Ich nutze sie, um vor Antritt der Reise die Ziele und manchmal abends während der Reise den Folgetag zu planen.

Seit 2002 lasse ich mich auf die digitale Revolution bei den dokumentierenden Medien ein. In Rom fotografiere ich exzessiv mit der Fotofunktion einer Mini-DV-Kamera, und es machte Spaß. Paris wurde ebenso "niedergeknipst". Das waren damals noch grobpixelige Bilder :-) Madrid 2010 dann: Ich habe einen hochauflösenden Fotoapparat. Amsterdam 2013: Ich habe eine HD-Kamera. Die Sonne geht auf - und sie braucht eine lange Nacht anschließend: 5 Tage Amsterdam erforderten 10 Tage anschließend ohne Job und ohne viel Beisammensein, in denen ich diese Datenmengen zu einer Homepage mit 8 öffentlichen Filmen (privat gibt es noch ein paar) und gefühlten 400 Fotos aufarbeitete. Bei einer Biologen-Exkursion an die Costa Brava im Herbst 2013 warf ich mich schließlich vergnügt in den Medien-Overkill: 1124 veröffentlichte Fotos (darunter gefühlte 250 allein nur für Felsen und Meer), plus 26 Filme.

"Vergnügt" war ich nun, im Unterschied zu der USA-Reise, weil ich stetig darauf achtete, den Moment ganz undokumentiert auch mitzunehmen. Typisch für mich ist ein Schauen und Herumstehen. Spät dann, in einem zweiten Schritt, wenn weitere Zeit da ist, kommt eine dokumentierende Phase mit einer digitalen Kamera. Zeit also muss da sein für Dasein und als zweites Dokumentieren. So wird Reisen schön.

Die Kamera als Kopf-Phallus... Der Blick des Pioniers... das Hemd des Bürgers... so sehen Witze aus :-)