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Dicht herangehen. Später Verdichten und Dichten: Mein Umgang mit dem Aufzeichnen von Abläufen

Nun fotografieren und filmen sie ja alle. Die digitale Revolution macht es möglich. Jeder hält auf alles drauf - und lebt dann weiter, mit einem rasch wachsenden Durcheinander unaufgearbeiteter Bilder und Filmschnipsel.
Da passiert fast nichts mit dem Aufgezeichneten. Ziellos sehe ich die meisten neben ihren Datenmassen sitzen. Seit hundert Jahren sammeln die Leute Postkarten in Schuhkartons. Seit vierzig Jahren sammeln sie Papierfotos in Schubladen. Seit zehn Jahren nun sammeln sie Digitalfotos auf Festplatten - und zweierlei fehlt:
- Der, der das Material aufarbeitet.
- Der, der das Material anschaut.
Es gibt nur ein flüchtiges lokales Publikum für diese Daten-Wirrnis - und das wundert ja auch nicht, denn es ist eben eine Wirrnis mit Macken, Längen, fehlender Erklärung, fehlendem Zusammenhang, fehlender Wirkung.

Auf der Gegenseite laufen auch 2013 noch diese professionellen Filmer herum - Menschen mit Auftrag, mit Gehalt von einer Sendeanstalt. Wohin die gelangen und was die mit dem Gedrehten anfangen, bereitet mir ebenfalls keine Freude. Die arbeiten ab. Die stolpern auffällig und zufällig im Geschehen herum. Da wird dann aus zwei Stunden Material eine Minute herausgefischt, in schnellem mechanischem Schnitt. Das wird dann für den Konsum kommentiert: Eine Stimme wird druntergelegt, der Inhalt wird platt interpretiert. Tagesschnell wird das Gefilmte in eine Nebensendung gepackt und sinkt dann rasch ins Archiv.
Hat das überhaupt jemand gesehen? In gewisser Weise sind Routine-Dokumentationen für das Tagesfernsehen gleich flüchtig wie private Chaos-Filme. Klar mag in zehntausend Haushalten ein Lagerfeuer-Fernsehen mit dieser Sendung vor sich hinbabbeln. Aber im stetigen Strom verkommt all das Einzelne zum Geplätscher. Kurz wichtig nehmen das Thema nur die aktiven Teilnehmer der Sendung - und legen es dann ab, na, wohin? Auf die ferne Festplatte, gerade so wie bei Privatfilmen.

Ich versuche nun, eine Sonderstellung zu erreichen:
1. Ich drehe scheinbar privat. Ich stecke drin im Geschehen. Ich schaue zu und kommentiere wenig. Meine Kamera wackelt ein bisschen, denn sie schaut harmlos klein aus und wird mit der Hand geführt.
2. Ich arbeite intensiv auf. Ich stelle die Fotos in Rubriken zusammen und ordne sie mit Steuerzeichen zu gefälligen Abfolgen. Ich schreibe gelegentlich Kommentare, erstelle "geführte Touren". Die Filme sind kleine Puzzles, die lieben, was sie filmen, die auf eine intensive Endfassung abzielen. Puzzles sind sie, weil ich in Ton, Schnitt und Abfolge mehr bastele, umbaue, trickse, als man dem im besten Fall interessant ablaufenden Werk ansieht.
3. Ich zeige meine scheinbar privaten Produktionen. Schrittweise. Den Bekannten, und dann im Internet. Da bin ich gerade angelangt. Aber ich will vorangehen: Ein Land aus meinen Dokumentationen soll entstehen. Bereisbar soll mehrfach und in kompakten Führungen sein, was ich im typischen Fall nur einmal leibhaftig bereiste.

Meine Filme stecken spürbar anders im jeweiligen Geschehen, als es ein Fernsehteam da hineingelangen kann. Ich habe das Gefühl, seit Februar 2013 maximal Ereignisse festzuhalten und sie dabei zugleich leibhaftig als Teilnehmer unter Fallenlassen des Festhaltens zu durchleben. Das Nebeneinander von Konsum und Dokumentation gelingt mir. Und eine Produktion durch Aufarbeitung des Festgehaltenen schließt sich an, die ein mehrfaches an Zeit braucht, als ich zuvor im Ereignis steckend zur Verfügung hatte.

Ich erlebe und durchlebe und wiederbelebe da Zeiten so intensiv, dass ich mein Jahr zunehmend sparsam mit "Hits" spicke. Also ich brauche enorm viele Tage ohne Aktion nach außen. Mir reichen 35 Tage mit Inhalten im Jahr, die des Filmens wert sind. Dazwischen gebt mir 110 Tage für die Aufarbeitung. 110 Tage mit Job, und 110 Tage Privatleben schließen sich an.

27.9.2013 (nach Barcelona)

Nicht einfach ein Münster besuchen (hier: das Konstanzer Münster). Sondern Zusätzliches errichten. In mehrerer Hinsicht durchleuchten (hier: mit sieben Lampen :-).